Body Shaming                                                      Warum eine dicke Frau nicht einfach hübsch und glücklich sein darf !

 

Was für ein toller Tag. Die Sonne scheint, meine Laune ist hervorragend und ich fühle mich heute besonders attraktiv. Meine Haare lasse ich von der leichten Brise ein wenig zerzausen und mein Make-Up passt hervorragend zu den Sachen die ich mir heute morgen rausgesucht habe. Also: Selfie-Time!

 

Die Terrasse meiner Eltern ist die perfekte Location. Das Display meines Telefons bestätigt mir noch einmal, dass ich toll aussehe. Besonders meine Schokoladenseite. BÄM! Gleich der erste Schuss ist ein Treffer. Und dass, obwohl ich doch sonst so wählerisch bin. Das Foto lade ich sofort bei Instagram hoch, versehe es mit einem mir noch mehr schmeichelnden Filter und stelle es online. Auf meine offizielle Facebookseite, nicht auf den privaten Account, den nur ein paar Eingeweihte kennen. Nein, ich habe genug Selbstbewusstsein, es mit meinen 16.000 Followern und der gesamten Welt zu teilen.

 

Es dauert nur Sekunden, bis die ersten Kommentare aufpoppen. Und obwohl ich mir immer vornehme, nicht eitel zu sein und nach Komplimenten zu fischen, bin ich es doch.

Jeder Kommentar lässt mich lächeln, mich gut fühlen, mich attraktiv fühlen.

 

Und dann kommt SIE. „Und der Rest vom Körper? Kugelrund!“ 

 

Kugelrund! Kugelrund? Hat diese Frau wirklich KUGELRUND geschrieben? Scheiße! Und jetzt?

Was meint sie damit? Ist mein hübsches Gesicht nichts wert, nur, weil sich südlich meines Halses ein paar Rundungen erstrecken? Oder soll ich aufgrund meines Gewichts gefälligst nicht so fröhlich aussehen?

 

Ist das wirklich so? Haben dicke Frauen kein Recht auf Attraktivität, auf ein strahlendes Lächeln? Sollen wir vielleicht mit strähnigen Haaren, Jogginghose und pinkem Minnie-Mouse-Shirt auf dem Sofa sitzen, RTL2 gucken, Chips mit Schokopudding in uns reinstopfen und uns dabei maximal selbst bemittleiden?

 

Diese Art der Beleidigung nennt sich Body Shaming. Es ist die Beleidigung eines Menschen aufgrund seines Körpers. Diese Form der Mikro-Aggression ist nicht nur äußerst verletzend. Sie ist so alltäglich geworden, dass jeder meint, es sei vollkommen in Ordnung einem anderen Menschen zu sagen, was er mit seinem Körper anstellen soll.

 

Besonders verbreitet ist das Fat Shaming. Es ist so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, dass wir nicht mal die hinterfotzigsten Formen erkennen.

 

Meine Top 5 Body Shamer

1.Die unbeabsichtigte Beleidigung

Sätze wie „Also ich wäre nicht so mutig, sowas zu tragen“ oder „Oh findest Du, das steht Dir“ sind oft gut gemeint. Doch im Grunde sagen sie nur: „Du bist einfach zu fett für diesen Bikini“.



2.Die Angst, fett auszusehen

Diese ist subtil, schädlich und allgegenwärtig. Bevor ich mich mit meinem Körper anfreundete, ihn schätzen und lieben lernte, obwohl ich nicht dem allgemein geltenden Schönheitsideal entsprach, hatte ich zwei Feinde: Mein Spiegelbild und mein Fernsehbild.
Jeder weiß, dass man im Fernsehen immer etwas fülliger rüberkommt. Das erklärt zum Beispiel den Magerwahn der Stars und Sternchen. Als Schauspieler kannst Du es Dir eigentlich einfach nicht erlauben, auch nur ansatzweise fett auszusehen. Und damit sie auf der Leinwand wie halbwegs normale Menschen wirken, hungert sich Hollywoods Elite bis auf die Knochen herunter.

 

Im Showbusiness fett zu sein ist wie die Pest zu haben. Irgendwann habe ich mir angewöhnt, die Reflexionen der Schaufenster und Spiegel und vor allem das Bild, dass mir Sonntagabends entgegenflimmerte, zu hassen. 

 



3.Schlanke Männer können unmöglich auf dicke Frauen stehen

Besonders in meiner Rolle als Iffi Zenker in der ARD-Serie Lindenstraße bin ich immer wieder Beleidigungen ausgesetzt. Kaum datet Iffi einen süßen schlanken Kerl, dreht die Netzgemeinde auf Facebook, Twitter & Co vollkommen frei: „Ekelig“ oder „Unrealistisch“ sind noch die harmlosesten Kommentare. Wenn Iffi dann mit dem hübschen jungen Mann, leicht bekleidet uns lasziv im Bett landet, dann empfinden es manche Zuschauer sogar als unzumutbar.

Dabei habe ich bei attraktiven Männern einen regelrechten Schlag, warum also nicht auch Iffi ?



4.Die Überraschung, wenn dicke Menschen aktiv sind

Als ich 2015 im RTL-Dschungelcamp auftrat und mich als aktiven Menschen beschrieb, der kein Problem mit den sportlichen Aufgaben im Camp hatte, wurde ich belächelt. Doch das eigentlich Schlimme waren all die Schmähungen, die Beleidigungen und Beschimpfungen, die ich nur aufgrund meines Körpers über mich ergehen lassen musste. 

 

Im Camp selbst bekam ich davon kaum etwas mit. Aber meine Freunde und meine Familie waren entsetzt, wie sehr man meinen Körper in den Mittelpunkt setzte. Jede Zeitung, jede Fernsehsendung, die über das Dschungelcamp berichtete, spielte auf mein Übergewicht und schlossen auf eine damit verbundene Faulheit.

 

Auch die Moderatoren machten meinen Körper immer wieder zum Thema. Die Behauptung, ich hätte bei meinem Gewicht gelogen und mich dadurch in Gefahr gebracht, ist so falsch wie dämlich. Nicht nur, weil wir alle vor dem Sprung gewogen wurden, ich hätte mich niemals in Lebensgefahr gebracht, nur um ein paar Kilos weg zu lügen.

 

Im Endeffekt war ich in der Vorbereitung zum Sprung die Beweglichste aller Kandidaten und habe den saubersten Flug und die beste Landung hingelegt.

 



5.Schlank sein und Abnehmen sind die wichtigsten Errungenschaften für eine Frau

Ich bin eine stolze Frau. Ich bin eine Frau, die bereits einiges in ihrem Leben erreicht hat. Seit meinem zwölften Lebensjahr arbeite ich als Schauspielerin und ich stand schon als Vierjährige auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Ich habe Shows produziert und Regie geführt, bin eine leidenschaftliche Sängerin und engagiere mich für soziale Projekte.

 

Ein Dutzend Kamelbabys habe ich auf die Welt gebracht, große und kleine Tiere ausgebildet, gepflegt, geputzt und um sie geweint und vermutlich mehr Ställe ausgemistet als jeder Hobbyreiter.

 

Ich kann Stapler fahren, Kilometer fressen auf der Autobahn besser als jeder Mann, Zeltplanen im Schnee zusammenrollen und in der schlimmsten Mittagshitze Tribünen aufbauen.

 

Meine zwei wundervollen Kinder habe ich erfolgreich großgezogen und die Familie auch in schweren Zeiten zusammengehalten, derweil meine Altersgenossen die Nächte durchgesoffen haben.

 

All das hat nichts mit meinem Gewicht zu tun. Es hat nicht mal etwas mit meinem Aussehen im Allgemeinen zu tun. Doch wenn ich einmal etwas über mich in den Medien sehe oder lese, dann lediglich, dass ich ein paar Kilos verloren oder dazugewonnen habe.
Für meine Karriere wäre nichts besser, wenn ich endlich dünn werden würde. Das weiß ich seit Jahren. Nur zwanzig Kilo würden reichen, und das mediale Interesse wäre enorm. Man würde mich feiern, weil ich es endlich geschafft hätte. Jede Talkshow würde mich einladen. Aber das einzige, was sie interessieren würde, wäre, wie ich es geschafft hätte, abzunehmen und wie ich mich jetzt fühlen würde.

 

Du verlierst Gewicht, also bist Du jemand. Eine Göttin, ein schillerndes Vorbild für die ganzen übergewichtigen da draußen. Doch genau das ist falsch. Ich wäre kein Vorbild, ich wäre ein Druckmittel für all die, die es nicht geschafft hätten.